Früher war alles besser, sagen notorische Zukunfts-Skeptiker. In Bezug auf die Entwicklung der Teilnehmerzahlen bei Fußball-Europa- und Weltmeisterschaften mag dies vielleicht sogar stimmen.

Denn früher waren diese Titelkämpfe ein Aufeinandertreffer der Besten der Besten – mittlerweile bekommt man den Eindruck, es darf jeder mitmachen.

Als Paradebeispiel für diese (negative) Entwicklung und die Aufblähung der großen Turniere dient die EM 2016, bei der erstmals 24 Mannschaften teilgenommen haben. Sowohl die Medien als auch zahlreiche Experten hatten die ausufernden Verhältnisse als großen Spannungskiller ausgemacht.

 

Teilnehmerzahlen bei Welt- und Europameisterschaften:

 

Insbesondere die sich über fast zwei Wochen erstreckende Vorrunde durfte sich von den deutschen Berichterstattern keine Gnade erhoffen.

Bei der Weltmeisterschaft 2018 in Russland hatten dagegen nur 32 Mannschaften teilgenommen – somit war die WM wirklich noch ein Treffen der globalen Fußball-Elite.

Zur Erinnerung: Begonnen hat alles 1930 mit gerade einmal 13 Teilnehmern. Bis 1978 waren es 16 Mannschaftten die um den WM-Pokal gekämpft haben, ab 1982 wurde um weitere acht Teams erhöht und seit 1998 sind 32 Nationen beim WM-Turnier dabei.

Noch, muss man dazu sagen, denn nach der UEFA wird auch die FIFA ihr Turnier weiter kräftig aufstocken wollen – bei der WM 2026, die in den USA, Kanada und Mexiko stattfinden wird, sollen erstmals 48 Mannschaften dabei sein.


 

Die Weltmeisterschaft wird zum Massenevent

Angesichts einer solchen Prognose wirkte es umso antagonistischer, dass sich die UEFA mit dem Verlauf der Endrunde nicht nur hochzufrieden zeigte, sondern sich darüber hinaus auch gleich für die nächste Expansionsstufe zu erwärmen begann.

Der bei der Bilanz-Pressekonferenz vom damaligen Interims-Generalsekretär Theodore Theodoridis eingestreute Hinweis, dass es „sicher mehr als 32 wettbewerbsfähige Teams in Europa“ gibt, lässt bereits erahnen, wohin die Reise in der Zukunft gehen wird.

Schon deutlich weiter sind derweil die Planungen der FIFA gediehen, aus der WM ein wirklich weltumspannendes Ereignis zu machen; bei der im Jahr 2026 auszuspielenden Endrunde werden erstmals 48 Nationen vertreten sein.

 

Umfrage zur Vergrößerung der WM
statistic_id668618 Statista-Grafik zur Teilnehmerzahl bei Fußball-Weltmeisterschaften

Grafik oben: In Deutschland wird die Austockung der Teilnehmerzahl der WM-Endrunde kritisch gesehen.
 

Sicherlich ist es nicht gänzlich an den Haaren herbeigezogen, der FIFA angesichts eines solchen Gigantismus auch ein paar unlautere Motive zu unterstellen. Das Image als seelenlose Profitmaschine hat sich der Verband mit unzähligen Affären und Skandalen schließlich hart erkämpft.

Und in der Tat lässt sich nicht verleugnen, dass die Zahl der WM-Teilnehmer für die Höhe der Profite maßgeblich ist; laut einer vom „Kicker“ zitierten internen FIFA-Studie steigen die anno 2026 zu erwartenden Einnahmen dank der Aufstockung „um 20 Prozent von 5,5 auf 6,5 Milliarden Dollar“ an.

Dass die Einnahmen bei der WM 2014 noch vergleichsweise überschaubare 2,4 Milliarden Euro Dollar betrugen, macht zugleich allerdings auch deutlich, dass es für die stetig voranschreitende Profitmaximierung noch nicht einmal zwingend einen Zuwachs an Mannschaften braucht.


 

Der DFB steht allein auf weiter Flur

Bei allem gebotenen Misstrauen gegenüber der FIFA trifft es deshalb wohl kaum den Kern, ausschließlich die ungezügelte Gier als Triebfeder der Reformen auszumachen – mit der Aufstockung der Teilnehmerzahl wird nicht zuletzt auch ein tatsächlich vorhandener Bedarf gedeckt.

Entsprechend mochte sich der verantwortliche FIFA-Präsident Gianni Infantino auch nicht einen kritischen Hinweis darauf verkneifen, dass lediglich von einigen wenigen europäischen Verbänden Einwände gegen die verabschiedeten Beschlüsse erhoben worden sind:

„Die meisten begrüßen die Aufstockung, besonders die Kontinentalverbände Asien, Afrika, Nord- und Mittelamerika sowie Ozeanien. Denn sie würden so deutlich mehr Teilnehmerplätze erhalten, bzw. im Falle Ozeaniens nun fest mit einem WM-Starter dabei sein und nicht mehr nur Play-off-Spiele bestreiten müssen.“

 

„Die große, große, große Mehrheit neigt zu den 48 Teams mit den 16 Dreiergruppen. Sie befürworten die Aufstockung sehr. Alle, einstimmig – alle die hier waren.“

– FIFA-Präsident Gianni Infantino nach der jüngsten WM-Reform.

 

Selbst innerhalb der UEFA ist somit keine breite Front gegen den großzügigen Ausbau der Weltmeisterschaft auszumachen. Mit den beschlossenen Reformen rannten Infantino & Co in vielen Fällen sogar sperrangelweit geöffnete Türen ein.

So hat sich namentlich der schottische Verband den Ruf erworben, ein leidenschaftlicher Fürsprecher der Vergrößerung zu sein. Die Scottish Football Association hatte sich in der Vergangenheit auch schon mit großer Vehemenz für die Aufstockung der Europameisterschaft eingesetzt.

 


Video: Wales erreichte bei der ersten EM-Teilnahme auf Anhieb das Halbfinale und scheiterte dort erst am späteren Europameister Portugal. (Quelle: Youtube)

 

Bei den intensiven Bemühungen konnten sich die britischen Vorkämpfer zudem der Unterstützung vieler kleinerer kontinentaler Verbände sicher sein, die sich dank der jüngsten Entwicklungen nun bisweilen gar zum ersten Male die Erfüllung ihres Endrunden-Traums erhoffen dürfen.

Dass es sich hierbei nicht nur um fromme Wünsche handelt, ist bereits anlässlich der Europameisterschaft in Frankreich deutlich geworden. Mit der Slowakei, Albanien, Island, Wales und Nordirland konnten prompt fünf Debütanten von den neuen Verhältnissen profitieren.


 

Die einstigen „Kleinen“ sorgen für Furore

Dabei dürfte es gegen den oftmals erhobenen Vorwurf der qualitativen Verwässerung sprechen, dass gleich vier dieser Teams der Sprung in die K.-o.-Runde gelang – zumal auch die albanische Auswahl nach drei erstaunlichen Vorstellungen nur knapp am Einzug in das Achtelfinale gescheitert waren.

Von diesen Erfolgen konnte sich nicht zuletzt der vormalige UEFA-Präsident Lennart Johansson bestätigt fühlen, der mit dem Verweis auf die gestiegene Leistungsdichte bereits unmittelbar nach der Jahrtausendwende die Aufstockung des Turniers vorangetrieben hatte.

 
Entwicklung der EM Teilnehmerzahlen

Grafik oben: Die Teilnehmerzahlen bei Fußball-Europameisterschaften nahmen im Lauf der Jahre stetig zu. (Quelle: Statista/UEFA)
 

Der Schwede hatte schon im Jahr 2006 darauf verwiesen, dass die qualitativen Unterschiede infolge der wachsenden Strahlkraft der europäischen Top-Ligen geringer geworden sind – so ist etwa die als Schmelztiegel fungierende Premiere League auch für die Leistungssprünge so mancher Nationalmannschaft verantwortlich.

Der kollektive Zwergenaufstand der kleinen Nationen stellt dabei allerdings nur die eine Seite der Medaille dar: Immerhin braucht es noch nicht einmal zwingend schlagkräftige Außenseiter, um eine Aufstockung der internationalen Turniere in Erwägung zu ziehen.

 

Bei der WM 1966 gab es 16 Teilnehmer, 71 Nationen spielten in der Qualifikation.
1990 waren es 24 Nationen und 110 Qualifikanten.
Inzwischen gehören der FIFA 211 Länder an, die sich vor dem anstehenden WM-Turnier in Katar für die 32 Startplätze bewerben.

 

Zum Ausschweifen neigende Endrunden sind demnach vor allem als eine unmittelbare Folge des nach wie vor zu konstatierenden Popularitätszuwachses des Fußballs anzusehen, der sich nicht zuletzt auch in einem sprunghaften Anstieg der Zahl an FIFA-Mitgliedern niederschlägt.

In Anbetracht des aus diesem Gedränge resultierenden Hauen und Stechens mutet es schon ein bisschen wohlfeil an, sofern ausgerechnet einige Vertreter des elitärsten Kreises auf eine Beibehaltung der geschlossenen Gesellschaft beharren.


 

Die FIFA beschenkt nicht nur sich selbst

Unter diesem Geschichtspunkt dürfte es sich nur um ein Scheinargument handeln, wenn die Aufstockung der Welt- und Europameisterschaft hierzulande unisono als ein Vehikel des Machterhalts gebrandmarkt wird – für die Vergabe wichtiger Posten komme schließlich oftmals den Stimmen kleinerer Länder entscheidende Bedeutung zu.

Dabei braucht es schon ein schiefes Demokratieverständnis, um sich über solche Vorgänge ernsthaft zu mokieren. In der Politik gehört es bekanntlich von jeher zum guten Ton, Wahlgeschenke an die als besonders wichtig erachteten Zielgruppen zu verteilen.

Aus Sicht der betroffenen Nationen ist es ohnehin zu den Selbstverständlichkeiten zu zählen, dass man die eigenen Interessen effektiv vertreten wissen will – um folgerichtig jenen Kandidaten zu favorisieren, der dem Verband einen möglichst großen Teil vom Kuchen verspricht.

 

„Wir müssen die WM ins 21. Jahrhundert, in die Zukunft bringen. Der Fußball ist global.“

FIFA-Präsident Gianni Infantino wünscht sich viele Teilnehmer bei Endrunden.

 

Mit einem Hang zum Pathos ließe sich deshalb sogar behaupten, dass etwa die Wahl eines neuen FIFA-Präsidenten der schweigenden Mehrheit eine Stimme verleiht. Allein der hinlänglich bekannten Selbstbedienungsmentalität einiger Funktionäre ist es geschuldet, dass diese Interessenvertretung in den Dunstkreis der Korruption gerät.

Paradoxerweise könnte der Fußball aber selbst dann noch immer gewinnen, sollten die Zugeständnisse an die kleineren Nationen tatsächlich ausschließlich aus unlauteren Absichten rühren – in diesem Fall wären die Entscheidungsträger ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.

Der für die Rolle des Mephistopheles eigentlich prädestinierte Gianni Infantino sondert deshalb auch nicht bloß leere Worthülsen ab, wenn er ob der von einigen erstmaligen Turnier-Teilnehmern berichteten positiven Effekte hemmungslos ins Schwärmen gerät.

„Wir müssen die WM ins 21. Jahrhundert, in die Zukunft bringen. Der Fußball ist global. Es ist eine sehr positive Entwicklung. Das Fußballfieber in einem qualifizierten Land ist die größte Werbung für den Fußball, die es geben kann.“


 

Der Bedarf wächst mit den Möglichkeiten

Dabei drängt sich sogar die Vermutung auf, dass keineswegs nur die betroffenen Mannschaften selbst von einem nachhaltigen Euphorie-Schub profitieren – auch andere bislang zu kurz gekommene Nationen lassen sich gern von den Erfolgen der bisherigen Leidensgenossen inspirieren.

So waren die zahlreichen Premieren bei der EM 2016 dann auch nicht nur ausschließlich auf den aufgepumpten Modus zurückzuführen. Trotz der großzügigen Aufstockung der Teilnehmerzahl kamen einige kontinentalen Größen noch nicht einmal über die Qualifikation hinaus.

Insbesondere das Scheitern der Niederländer lief der landläufigen Meinung zuwider, dass die vollzogene Reform fortan sämtlichen Top-Nationen einen festen Startplatz garantiert. Ungeachtet der angeblichen qualitativen Verwässerung sah sich der WM-Dritte von Brasilien zum Zuschauen verdammt.

 

Video: Rührende Szenen als sich Fußball-Zwerg Panama für die WM 2018 und damt überhaupt zum ersten Mal für ein WM-Turnier qualifizieren konnte. (Quelle: Youtube/TOP NEWS)


 

Schon aufgrund des Scheiterns der Elftal erscheint die These legitim, dass auch eine nochmalige Vergrößerung des Starterfelds nicht den Untergang des Abendlandes bedeuten muss: Noch immer scheinen die Grenzen des Wachstums nicht gänzlich ausgereizt zu sein.

Immerhin bleibt festzuhalten, dass bislang etwa noch keine Reform der Attraktivität der Europameisterschaft nachhaltig geschadet hat – und die Anfänge der kontinentalen Nabelschau wünschen sich vermutlich noch nicht einmal verbohrte Traditionalisten zurück.

Angesichts lediglich vier teilnehmender Teams wurden die ersten fünf EM-Endrunden geradezu im Vorübergehen abgerissen; bei den zwischen 1960 und 1976 ausgetragenen Mini-Turnieren machten sich für den Gewinn des Titels gerade einmal zwei Siege erforderlich.

 

Erst seit der 1980 erfolgten Verdoppelung des Starterfeldes auf acht Mannschaften müssen die qualifizierten Nationen zunächst eine Vorrunde absolvieren; bei der 1996 in England vonstattengegangenen Endrunde wurde der Wettbewerb zudem erstmals um ein Viertelfinale ergänzt.

 

Die damit einhergehende Vergrößerung auf 16 Länder hatte interessanterweise schon damals für heftige Kontroversen gesorgt – und wenig überraschend wurden die Neuerungen von den hiesigen Berichterstattern besonders unversöhnlich kommentiert.

Nach dem Finalsieg der deutschen Auswahl sah sich beispielhaft der Focus zu einer Generalabrechnung veranlasst, die eine verblüffende Ähnlichkeiten zu den dann auch nach der jüngsten Europameisterschaft veröffentlichten Beschwerden erkennen lässt.

Demnach hätte bereits das Turnier im Mutterland des Fußballs gezeigt, „dass die Gier auf den finanziell lukrativen Fußball-Kuchen bei einigen Funktionären zu groß“ geworden ist. Als unmittelbare Folge der Aufstockung stellte das Nachrichtenmagazin ein schwindendes Zuschaueraufkommen fest.


 

Die Mär vom Stimmungskiller

Angesichts der offenkundig proppenvollen Stadien konnte von einem solchen Fan-Boykott bei der jüngsten EM in Frankreich dann zwar keine Rede sein; rein gefühlsmäßig hatte die Zeit dafür jedoch im Land des vierfachen Weltmeisters einen gesteigerten Fußball-Verdruss ausgemacht:

„Selbst die treuesten Fans fragen sich mittlerweile: Muss das sein? Auf den Fanmeilen ist nicht mehr so viel los wie früher, die Flaggendichte an Häusern und Autos wird geringer. Das neue DFB-Trikot wurde gar zum Ladenhüter, obwohl es ganz passabel aussieht.“

Während die Blütezeit der Fanmeilen jedoch tatsächlich unwiderruflich vergangen scheint, konnten sich die öffentlich-rechtlichen Sender einmal mehr über Quotenrekorde freuen: Das riesige Zuschauerinteresse muss der Annahme einer Übersättigung umgehend den Boden entziehen.

Für die Stimmung vor Ort stellte sich die Häufung an „Exoten“ erwartungsgemäß ohnehin als ein Segen heraus. Dank der zahlreichen Neulinge bekam der gewohnt stimmgewaltige Anhang der Iren endlich einmal nennenswerte Konkurrenz.

Im Sommer 2016 schwangen sich insbesondere die zu Abertausenden aus Island und Nordirland angereisten Fans zu uneingeschränkten Sympathieträgern auf, die dem vierwöchigen Fußballfest den letztlich im Gedächtnis gebliebenen Sound vermittelten.

 


Video: Die Fans aus Nordirland sorgten in Frankreich für besonders gute Stimmung. (Quelle: Youtube)

 

Angesichts der oftmals größeren Entfernungen kommt dieser Unterstützung bei Weltmeisterschaften eine in aller Regel etwas abgeschwächte Bedeutung zu; auch in Brasilien wurde aber beispielsweise nahezu jeder Gegner von den freudetrunkenen Anhängern aus Costa Rica übertönt.

Rein stimmungstechnisch steht es somit außer Frage, dass eine Endrunde von einer möglichst großen Anzahl an Teilnehmern profitiert – was eingefleischte Puristen aber verständlicherweise noch nicht von der Sinnhaftigkeit eines solches Massenevents überzeugen kann.


 

Tore fallen immer – oder eben auch nicht

Zu diesen Puristen ist zwar mit Sicherheit nicht der Bundestrainer Joachim Löw zu zählen; dessen noch recht vorsichtig formulierte Vorbehalte fassen dafür jedoch sehr gut den Standpunkt des Deutschen Fußball-Bunds zusammen:

„Man muss aufpassen, dass man das Rad nicht überdreht mit zu vielen Spielen. Die Qualität darf nicht leiden und der sportliche Wert darf nicht verwässern.“

Trotz der erwähnten näher zusammenrückenden Leistungsdichte scheint der der verlorengehende Qualitätsanspruch auf den ersten Blick nicht von der Hand zu weisen zu sein: So gab es bei der EM 2016 zunächst einen ungewöhnlich niedrigen Schnitt an Toren zu beklagen.

Mit nur 1,92 pro Partie gezählten Treffern zeichnete sich in der Vorrunde eines der torärmsten Turniere der EM-Geschichte ab: Ein Missstand, der sich nach dem Dafürhalten der Kritiker unmittelbar aus der größeren Teilnehmerzahl ergab.

Dass es in den Gruppenspielen zu einer zuvor unbekannten Häufung an Duellen zwischen deutlichen Favoriten und krassen Außenseitern kam, hätte demnach mit einer gewissen Zwangsläufigkeit zu einem Einbruch des Unterhaltungsfaktors geführt.

 
Statista Anzahl WM Tore

Grafik oben: Die Tor-Entwicklung bei WM-Endrunden seit 1992. (Grafik: Statista)
 

Schließlich sei es selbst qualitativ unterlegenen Mannschaften ohne weiters möglich, ein halbwegs solides Abwehr-Bollwerk zu errichten, um mit diesem dann mit ärgerlichem Anti-Fußball konsequent die Kreise der gegnerischen Schöngeister zu stören.

Selbiges war auch bei der WM immer wieder zu sehen – die Underdogs verbarrikadierten den Strafraum und ließen den qualitativ höher eingeschätzten Gegner keinen Platz zur Entfaltung. Die Konsequenz war oft die gleiche: Ballgeschiebe um den Strafraum im Stile eines Handball-Spiels.

Dieses Argument wirkt jedoch schon allein deshalb konstruiert, weil ein starkes Leistungsgefälle erfahrungsgemäß eher auf deutliche Ergebnisse schließen lässt. Nicht von ungefähr toben sich die Bundesligisten in den ersten Runden des DFB-Pokals gern einmal ohne jegliche Scheu aus.

Überdies hatte auch der weitere Verlauf der EM-Endrunde die vermeintlich folgerichtige Torflaute relativiert. Obwohl es auch in den Spielen der K.-o.-Runden oftmals nicht an klaren Favoriten mangelte, schien die anfängliche Ladehemmung mit einem Male wie weggeblasen zu sein.

Der letztlich zu konstatierende Torschnitt von 2,12 kam zwar noch immer nicht an die Ergebnisse der vorangegangenen vier Endrunden heran; selbst in spürbar handlicheren Formaten wurden in der Vergangenheit bisweilen aber noch weniger Treffer gezählt.

Der in Frankreich aufgestellte Wert wurde etwa in den Jahren 1980 (1,93) und 1996 (2,06) jeweils unterboten, als lediglich 8 bzw. 16 Mannschaften zum Kampf um die europäische Krone angetreten waren – für den ewigen Tiefstwert hatte zuvor die 1968 (1,4) mit nur vier Teams ausgetragene EM gesorgt.


 

Überraschungen scheren sich nicht um die Größe des Turniers

Lässt sich anhand der Statistik somit kein Zusammenhang zwischen der Teilnehmerzahl und der Zahl der Treffer konstruieren, weisen auch andere Anhaltspunkte darauf hin, dass bei den Europameisterschaften ungeachtet der expansiven Züge doch vieles beim Alten bleibt.

So ist etwa festzustellen, dass die Größe des Turniers auf das sportliche Geschehen keinen nennenswerten Einfluss nimmt – in sämtlichen bislang erprobten Spielarten hielten sich Favoritensiege und Überraschungen konsequent die Waage.

Setzten sich anno 1992 bei der mit acht Teams ausgetragenen Endrunde entgegen allen Prognosen die als gefühlte Urlauber angereisten Dänen durch, hatte der 2004 in einer 16-köpgfigen Starterfeld eingefahrene Triumph der Griechen dann für eine der größten Sensationen der Neuzeit gesorgt.

Bei der bis dato umfangreichsten EM aller Zeiten blieb es zuletzt der portugiesischen Selecao vorbehalten, sich über sämtliche Annahmen der Wettanbieter hinwegzusetzen: Selbst bei 24 teilnehmenden Teams bleiben die Außenseiter somit nicht zwangsläufig außen vor.

 
Europameister 2016 PortugalAbbildung oben: Etwas überraschend holte sich Portugal den EM-Titel 2016. (Credit: FRANCK FIFE / AFP / picturedesk.com)
 

Möglicherweise vermag jedoch gerade der Triumph Portugals dabei behilflich zu sein, sich dem Kern des hierzulande zu verspürenden Unwohlseins anzunähern: Infolge der sich häufenden „Pflichtaufgaben“ kann sich schließlich selbst ein Topfavorit schnell einmal verheddern.

Wie es beispielsweise auch Deutschland bei der WM 2018 passiert ist, wie das historische Vorrunden-Aus belegt.

Die Gefahr eines unwürdigen Abschneidens ist dabei insbesondere bei einer mit 48 Mannschaften ausgetragenen Mega-WM nicht von der Hand zu weisen – angesichts lediglich noch zwei auszutragender Vorrundenspiele dürfte ein Fehltritt dann nurmehr schwerlich zu kompensieren sein.

Unter diesem Gesichtspunkt darf man das Murren etlicher Experten getrost als das besorgte Gezeter von Besitzstandsverwahrern abqualifizieren, denen aus Sorge um die liebgewonnenen Pfründe jede wie auch immer geartete Neuerung ungelegen kommen muss.


 

Fußball als Rückzugsort für Zukunftsskeptiker

Dabei leuchtet es aber auch nur zu gut ein, dass die sich in der Begrifflichkeit der „German Angst“ manifestierende Skepsis gegenüber Innovationen auch der Deutschen liebstes Kind umfasst – in einer sich schneller denn je verändernden Welt wird dem für seine nahezu selbsterklärenden Regeln geschätzten Fußball die Funktion eines geordnete Verhältnisse simulierenden Ankers aufgedrückt.

Eine großflächig angelegte Aufstockung der Weltmeisterschaft stellte zu allem Überfluss auch den bewährten eurozentrischen Blickwinkel in Frage – mit dem DFB-Präsidenten Grindel forderte einer der ganz wenigen Fürsprecher der Reform nicht von ungefähr umgehend mehr Startplätze für die UEFA ein.

 

„Drei zusätzliche Plätze sind das absolute Minimum für Europa.“

– Geht es nach DFB-Präsident Grindel darf Europa nicht zu kurz kommen.

 

In Anbetracht der sich hier bereits abzeichnenden Verteilungskämpfe könnte durchaus der vielfach beschworene Eindruck ins Wanken zu geraten, dass der Fußball die Menschen aus aller Welt als friedensstiftender Faktor zusammenbringt.

Mit einem alle Verbände zufriedenstellenden Verteilungsschlüssel ist den Reformen aber freilich noch immer nicht abschließend Genüge getan. In mancherlei Hinsicht werden sich die geplanten Mega-Turniere tatsächlich als nur mit größten Mühen zu bewältigende Herausforderungen erweisen.

Während sowohl sportlich als auch aus reinen Gerechtigkeitsgründen die Vorteile allem Anschein nach deutlich überwiegen, dürften die infrastrukturellen Grenzen bei einer solch aufgepumpten Veranstaltung naturgemäß nicht bis ins Unendliche auszuweiten sein.

Schon zuletzt hatte sich gezeigt, dass sich nur noch wenige Länder dazu in der Lage fühlen, die hohen Ansprüche der FIFA bzw. UEFA zu erfüllen, die den Ausrichtern der Turniere von der Qualität der Stadien bis zur Sicherheit ein ganzes Bündel an Zumutungen abverlangen.

Entsprechend sind in Europa allenfalls noch eine Handvoll Nationen gewappnet, eine kontinentale Endrunde in kompletter Eigenregie zu stemmen – weshalb sich für die Austragung immer häufiger „Co-Gastgeber“ zusammentun.


 

Die Turniere verlieren ihren lokalen Bezugspunkt

Bei einer mit 48 Mannschaften bestückten Weltmeisterschaft könnte dann aber selbst ein solches Duo schnell einmal überfordert sein. Ersatzweise bringt Infantino deshalb vorsorglich ein Modell mit (mindestens) drei verantwortlichen Nationen ins Spiel:

„Wenn ein Land zwölf Stadien mit mehr als 50.000 Zuschauern braucht, aber nur vier hat – warum sollten wir nicht die Kräfte von drei Ländern vereinen? Jedes stellt vier Stadien und man hat zwölf Arenen zusammen. Es können mehrere Länder den Traum von einer Gastgeberrolle träumen. Ich bin sehr offen für diese Idee.“

Gesagt, getan: Die WM 2016 findet gleich in drei Ländern statt: In den USA, in Kanada und in Mexiko.

Eine solche Beliebigkeit dürfte der zuletzt so geschätzten Stimmung allerdings kaum förderlich sein – eine Weltmeisterschaft der endlos langen Wege hielte sowohl für die Mannschaften als auch deren Anhänger derzeit noch unkalkulierbare Belastungen bereit.

 

Diesbezüglich wird vermutlich nicht ganz zu Unrecht vor den sich anzeichnenden Auswüchsen bei der nächsten Europameisterschaft gewarnt, die anlässlich des 60-jährigen Jubiläums der UEFA in 13 verschiedenen Ländern ausgetragen wird.

 

Wenngleich diesem Novum ein gewisser Reiz nicht abgesprochen werden kann, dürfte es namentlich den Fans angesichts des fehlenden Fixpunktes doch deutlich schwerer fallen, das sich in der Vergangenheit obligatorisch einstellende Turnier-Feeling zu entwickeln.

Dies gilt unter anderem auch deshalb, weil der Qualifikationsmodus den gastgebenden Nationen nicht mehr automatisch einen Startplatz bei Welt- und Europameisterschaften garantiert.

Im ungünstigsten Falle werden bei der EM 2020 bzw. der WM 2026 von einigen emotional gänzlich unbeteiligten Ländern lediglich die Stadien zur Verfügung gestellt.

Tröstlicherweise ist aber davon auszugehen, dass der Fußball gegebenenfalls auch einmal ein fehlgeschlagenes Experiment verkraften kann – zumal es nicht zuletzt auch den hier zugrundeliegenden Visionen zu verdanken ist, dass sich mittlerweile eine regelrechte Massenhysterie um jede Welt- und Europameisterschaft entspinnt.

 

Quellen:

http://www.spiegel.de/sport/fussball/em-2016-aufstockung-auf-24-mannschaften-steht-in-der-kritik-a-841821.html
http://www.sportschau.de/fussball/international/fifa-zustimmung-wm-turnier-aufstockung-100.html
http://www.spox.com/de/sport/fussball/international/1701/Artikel/wm-aufstockung-64-teilnehmer.htm
http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.fussball-em-2016-24-teams-bereicherung-oder-gigantismus-page1.d4610b69-529b-4896-b04e-66f186d2fd19.html
http://www.focus.de/sport/fussball/fussball-em-johansson-will-em-aufstockung-durchsetzen_aid_292258.html
http://www.focus.de/sport/fussball/em2008/geschichte/em-1996-gierige-funktionaere-im-mutterland_aid_295021.html
http://www.eurosport.de/fussball/euro-2016/2016/em-2016-torflaute-schlagereien-holland-elf-erkenntnisse-der-vorrunde_sto5659680/story.shtml
http://www.wz.de/home/pro-contra-ist-die-aufstockung-der-fussball-wm-sinnvoll-1.2351548
http://www.zeit.de/sport/2016-07/fussball-em-bilanz-hype
http://www.faz.net/aktuell/sport/sportpolitik/aufstockung-der-fussball-wm-ist-gigantismus-nach-fifa-art-14613242.html
http://www.bz-berlin.de/sport/fussball/nach-modus-debakel-uefa-denkt-ueber-em-mit-32-teams-nach
http://www.t-online.de/sport/fussball/id_78295318/wegen-em-2016-fifa-praesident-infantino-schwaermt-von-mammut-wm.html